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Sonntag, Januar 29, 2006

Raw Power.



Freitag habe ich wieder lange gearbeitet, war aber irgendwann ziemlich genervt und bin erstmal essen gegangen. Dabei habe ich ich die Musik-Kleinanzeigen der Zitty durchgeblättert und stiess auf eine Anzeige eines Berliner Shape-Note-Chores, der noch Mitglieder sucht. Erstmalig hatte ich von dieser Musik im "No Depression", dem besten Musik-Magazin überhaupt, gelesen, das vor ein paar Jahren einen sehr interessanten Artikel über dieses Phänomen brachte. Shape-Note-Singing, nach der 1844 erstmalig erschienenen Liedersammlung auch Sacred Harp genannt, ist eine kirchlich/christliche Sangestradition, deren Ursprünge bis in das 16. Jahrhundert zurück gehen und die hauptsächlich in den USA populär wurde.

Im Gegensatz zu normalen Chorsätzen werden die vier Stimmen hier durch Symbole dargestellt, die als Fa, So, La und Mi bezeichnet werden. In der typischen Tradition wird in der Kirche oder bei speziellen singing congregations eine sogenannte "Hollow Square" hergestellt, in dem mit den Stühlen der Sänger und Sängerinnen ein Viereck gebildet wird. Bevor das eigentliche Lied gesungen wird, wird zunächst die Melodie einmal durchgesungen, wobei die vier erwähnten Silben als Text dienen. Die Mitglieder leiten Reih um jeweils ein Lied, das durch rhythmisches Heben und Senken eines Armes dirigiert wird.

Hier geht es aber im Gegensatz zu gewöhnlicher kirchlicher Chormusik um eines nicht: Akademisch richtiges Singen. Ein Grossteil der diesen Liedern eigenen Faszination entsteht durch die Ungenauigkeiten der einzelnen Stimmen, weshalb die Musik zuweilen etwas sehr afrikanisches hat. Es geht hier auch nicht um Zurückhaltung oder gemässigten Audruck - diese Chöre sind LAUT und wenn der Ausdruck "Aus vollem Herzen singen" jemals seine Berechtigung hatten, dann hier. Der No Depression-Artikel damals trug die Überschrift "Raw Power" und genau diesen Eindruck hatte ich ebenfalls, als ich mir daraufhin die CD "Harp Of A Thousand Strings" auf Rounder kaufte und hörte. Alan Lomax hatte 1959 Field Recordings einer Singing Congregation in Alabama gemacht und soweit ich weiss ist dies die einzige erhältliche Shape-Note-Singing-CD.

Ich bin eigentlich kein grossen Fan von Chormusik, aber diese Art zu singen berührt mich mindestens so sehr wie die der bulgarischen Frauenchöre. Irgendwie empfinde ich die Lieder als sehr tröstlich und heilsam, vielleicht auch, weil sie in ihrer Einfachheit auf's trefflichste meine romantisch-naiven Old-Time-Relijn-Wünsche füttern. Aber was es auch ist: Ich finds grossartig.

Kleiner Tipp: Shape-Note Singing kann man nicht nebenbei hören, und man muss schon gewillt sein, sich darauf einzulassen, denn Anfangs klingt das alles schon etwas merkwürdig. Es gibt eine website mit vielen Field Recordings, am liebsten höre ich aber "Voices of Antioch" - Monthly Sacred Harp Singing recorded live at Antioch Church in Ider, Alabama, was es als MP3 und als stream gibt. Weitere Informationen findet man hier.

Ich wünschte, ich hätte die Zeit, um in dem Berliner Chor mitzusingen. Aber vielleicht schaffe ich es ja mal zu einem Konzert.

2 Comments:

At 11:55 vorm., Blogger Boogie said...

Sehr irritierendes Hörerlebnis, aber ich steh auf so *archaische* Geschichten. Ähnlich faszinierende Wirkung auf mich haben auch die Gesänge der Aborigines, mongolischer Oberton Gesang oder (nicht lachen) die ursprüngliche Alpenfolklore.

 
At 2:29 nachm., Anonymous Jens said...

Hi, erinnert mich an die (Negro) Prison Songs (veröff.: 1997?), auch von Lomax mitgeschnitten. Im Begleittext heißt es da, dass sich die Vocals dem Heben und Absenken des Körpers bei der Zwangsarbeit anpassen. Alle Aufnahmen sind aus den frühen 50er Jahren, wenn ich mich recht erinnere. Gibt´s auch bei Rounder: http://www.rounder.com/series/lomax_alan/prison.htm

 

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