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Dienstag, Oktober 11, 2005

Für die ziemlich genau wissen, wie.

Ich will nicht mehr über Musik schreiben. Das bringt mir keinen Spass und nur selten Erkenntnisgewinn. Ich meine, hat schonmal jemand in der letzten Zeit die Spex gelesen? Oder den Rolling Stone, Pool aller Armseligen? Spex war gut und auch wichtig in den 80gern, als Diedrichsen, Drechsler und Koether angefangen haben, mit Theoriekanonen auf bis dato als Spatzen missverstandene popkulturelle Ereignise zu feuern; ob die Rolling Stone'sche "Rockschreibe", die ja immer noch gepflegt wird und hauptsächlich aus Schilderungen vom "Abhängen mit der Band" besteht, damit etwas von deren Glanze auch auf das Würstchen fallen möge, jemals irgendeine Berechtigung hatte, wage ich mal nicht zu beantworten.

Nein, was soll man da auch schon schreiben. Trotzdem muss ich eine kleine Ausnahme machen.

Ich bin ja auch selten so richtig Fan mehr, wobei, was ist das denn eigentlich, Fan sein, muss man da den grössten Quatsch abnicken, weil man das eben so beschlossen hat? Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss, ist, das mir der Song "Wette unter Models" der Kölner Combo Erdmöbel vor einigen Jahren eine Menge bedeutet hat. Ich war mit Nils und Claudia und vielleicht auch dem Meester über Sylvester in Holland am Meer, und ich glaube Nils hatte die CD dabei. Der Song klinkte sich ganz gut ein mit dieser Zeit, aber ich habe den Rest der Platte nicht mehr auf dem Schirm.

Vor 2 Jahren dann, nachdem ich mich zwischendurch schon gefragt hatte, ob's die eigentlich noch gibt, kam dann "Altes Gasthaus Love" und verband sich wieder auf's Innigste mit einem der schönsten Urlaube, die ich bislang die Freude hatte machen zu dürfen. Tina und ich wollten weg, wussten aber nicht, wohin, und da hatte uns jemand aus der taz den Tip gegeben, es mal in einem umgebauten Ziegenstall eines Pärchens in Deia auf Malle zu versuchen. Das war dann wirklich, als ob jemand unsere Wünsche ausgelesen und dies Dorf für uns dahin gebaut hätte. Da sassen wir dann also immer vor unserem Stall und hörten neben den Cardigans das Alte Gasthaus, und das war mindestens so gut wie Deia selber.

Jetzt haben sie also mal ganz schlank das nächste Meisterwerk produziert und gestern habe ich sie endlich mal live gesehen (das Konzert bei diesem Chanson-Quatsch im BKA letztes Jahr zählt nicht). "Die Nicht Wissen Wie" heisst die neue Platte und es geht weiter in jede Richtung. Markus Berges schreibt Texte und Songs, die vor ihm keiner so geschrieben hat und die m.E. erstmalig deusche Schrpak und Lied komplett zu einer Einheit amalgamieren, ohne, dass da eine Seite zu kurz kommt. Während Danny Dziuk sich eher amerikanisch geprägtem Liedgut verpflichtet fühlt und da auch Beachtliches leistet, machen Erdmöbel Musik, die sich aus geographisch nicht mehr verortbaren Quellen speisst. Ich höre zwar Bacharach und Robert Wyatt und Costello, aber zumeist auch nur in aufgelösten Spurenelementen. Kategorien wie "Zeitlosigkeit" und "Stil" haben da ihre Berechtigung vorloren, das ist alles völlig nebensächlich. Vielleicht kann man sogar behaupten, hier geht es mehr um den Moment als um das Leben und den ganzen Rest. Nie schreibt Berges etwas, das einen zu Gefühlen oder Interpretationen zwingen würde, und mir geht es manchmal in der Tat so, das ich bei jedem Hören neu Position zu den Songs beziehen muss. Sie sind eigene, kleine Reiche, da kann man auch nicht mit irgendwelchen Quengelein kommen, von wegen, die Gitarre/Posaune/Orgel da ist vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss. Quatsch. Das ist dann einfach da, und macht genauso Sinn.

Die andere Frage ist dann, wie machen die das live? Kann das überhaupt funktionieren? Klar kanns. Erdmöbel sind live schlicht genauso gut wie auf CD. Auch oder weil viele Songs leicht anders gespielt werden, und wenn ich mir die Band da oben auf der Bühne angucke, kommt mir der Gedanke, dass da Leute etwas machen, dass dermassen kongruent ist, dass ich schon fast freiwillig in die Authentizitäsfalle zu tappen bereit bin. Und dann sind die auch noch total nett. Wäre aber auch komisch, wenn das anders wäre. Wie man dabei Kicker spielen kann, bleibt mir ein Rätsel, lieber Captain.

Ich hatte mich schon ein paar Mal gefragt, ob die wissen, wie gut sie sind. Nach dem Dauergrinsen von Ekimas, dem Bassisten und Produzenten gestern bin ich mir sicher, dass sie eine ziemlich klare Vorstellung davon haben.

Auch das noch.

Erdmöbel live:

11.10.05 Göttingen - Osho
13.10.05 Bremen - Lila Eule
14.10.05 Rostock - Mau Club
15.10.05 Magdeburg - Projekt 7
17.11.05 Aachen - Jakobshof
24.11.05 Bonn - Harmonie
16.12.05 Köln - Kulturkirche

4 Comments:

At 3:09 nachm., Blogger The Captain said...

Wie man dabei Kickern kann? Naja. ich fand die Band halt optisch ein wenig anstrengend. das ist sehr arrogant, meinetwegen.

Erdmöbel sind live besser, als auf Platte, finde ich. sie sind sehr gut. Mit vier Leuten diesen Sound und diese Musik auf die Bühne zu bringen, schafft nicht wirklich jeder. eigentlich schaffen es gar nicht so viele.

Aber Textzeilen wie :
Ich schlafe ein als stünde nichts bevor und wär nichts lange her/
Wie irgendein Wochen vor der Zeit entlassenes Aupairgirl

bringen mich schlicht um den Verstand. Da bin ich ganz entschlossen.

Und. Um Himmels willen: man muss nicht gut singen. Nein. Erdmöbel Markus Berges singt ja sogar gut. Aber: warum, warum, warum singen die Mehrzahl der Deutschsinger immer durch die Nase. warum immer dieses gebremste, leicht angedrückte, leicht gequäkte. Das ist ja sogar so eine Art Stilmittel, aber ich höre da immer nur Distanz. Ich denke mir: ja glaubt der nun was er singt, oder glaubt er es nicht?

Ich finde aber dennoch, Du solltest sehr viel über Musik schreiben. Es ist interessant zu lesen und Du kannst es sehr gut.

 
At 9:55 vorm., Anonymous Anonym said...

Ich find auch, daß Du viel über Musik schreiben solltest, lieber Martin. Du hast echt eine inspirierte, bunte, spannende Schreibe. Macht Spaß, immer mal bei Dir vorbeizuklicken! Beste Grüße - Margit

 
At 11:21 vorm., Blogger The Haarbüschel said...

Danke euch beiden für die netten Worte! Echt!

Was die Deutsche Singe betrifft: Interesant! Hatte ich, glaube ich, nochnie so bemerkt... Kann beim Herrn Berges aber eigentlich nur wenig Näseln hören. Auch interessant, dass Du das mit Distanz in Verbindung bringst... Der Todesnäsler vor dem Herrn ist alerdings dieser Flowerpornoes-Typ,den ich deswegen auch nicht ertragen kann...

 
At 5:34 nachm., Blogger The Captain said...

Ja Flowerpornoes ist ein feines Beispiel für viel zu viel, mich nervt das av´ber auch sehr bei Nils von Fink und auch der tocotronic Mensch kann mich auf die Palme bringen damit. Ich höre das so: der US-Junge drückt die Stimme, wenn er es irgendwie wichtig findet, das geht hin bis zu Steve Earle, der deutsche Sänger zernäselt seine eigene Wichtigkeit. ich mach Dir das mal (schlecht) vor, wenn wir endlich mal zusammen Musik machen. Es gehört auch jeweils ein lustiger Gesichtsausdruck dazu. (der weiße Mann wirft sein Gesicht in Falten, wenn er singt (und tanzt))

 

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