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Freitag, März 17, 2006

Eine längere Geschichte über David Munyon.



Wie ja so ziemlich jeder Kulturschaffende brauch auch der Singer-Songwriter eine maximalhohe Latte, an die er zumindest rankommen muss, um ernst genommen zu werden. Wobei da die schiere Behauptung dieser Tatsache völlig ausreicht, ob dem wirklich so ist, interessiert ja letztendlich eh niemanden, und wenn sich wer beschwert, kann mans immer noch als Geschmacksfrage deklarieren und den nächsten drannehmen.

Früher musste immer Bob Dylan für jeden Vergleich in diesem Genre herhalten. Als ob es niemanden sonst gäbe; mit Dylan konnte man zur Not immer jemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Irgendwann kam dann ein Großmaul namens Steve Earle, stellte sich mit seinen Cowboy-Boots auf Dylans Teetisch und behauptete frech: Townes van Zandt ist aber mindestens ebenso gut.

Und hatte recht. Und so ist es bis zum heutigen Tage, zumindest für die halbwegs kundigen: Unter Townes van Zandt machen wir es nicht. Und die Latte wurde damit weiss Gott nicht niedriger, schien aber leichter zu erreichen, da Dylan schon lange selig gesprochen und damit sakrosankt war, van Zandt jedoch eine gewisse semi-Obskurität aufweisen konnte, was das ranpirschen nicht ganz so aufgeplustert aussehen liess.

Folglich wurde also jeder Songwriter gegen mindestens einen von beiden ins Rennen geschickt, naturgemäß erreichten die meisten auch nicht annährend das Niveau und das viele Rumvergleiche bekam einen etwas muffigen Geschmack.

Dann gibt es da allerdings auch Leute wie David Munyon. Von dem behaupte ich, und ich tue das bestimmt nicht leichtfertig, dass er mindestens in die Höhenlage von TvZ kommt, bei Dylan könnte er zumindest musikalisch sogar auf einer Ebene sein.

Was ja oft als vermeintlicher Beweis behaupteter Genialität herhalten muss, ist bei ihm eigentlich eher tragisch. Denn keine Sau kennt David Munyon. Nur diesmal muss man vermuten, dass keine bösen Plattenbosse oder sonstige Kapitalisten daran Schuld sind, denn der grösste Stein im Weg von David scheint er selbst zu sein.

Ich bin auf ihn gestossen, als ich 1998 für Glitterhouse Records arbeitete, die diverse CDs von ihm veröffentlicht haben. Vor allem "Acylic Teepees" und das akustische "Down to the wire" hatten es mir sehr angetan und schon bald hörte ich einige interessante Geschichten über ihn, von denen ich annehme, das die meisten wahr sind, aber ich habe ihn nie selber getroffen; von daher sind es eben nur Geschichten.

Offenbar ist Munyon ein Vietnam Veteran, der nach seiner Rückkehr wie so viele seiner Kameraden den Weg in die Normalität nicht mehr gefunden hat. Seine Welt scheint eine Eigene zu sein, die nach anderen Regeln funktioniert und die beizeiten auch nur schwer nachzuvollziehen ist. Ein Praktikant bei Glitterhouse erzählte mir damals, das er ihn einmal am Kölner Hauptbahnhof abholen sollte, aber gleichzeitig noch einiges zu erledigen hatte. So drückte er ihm Geld in die Hand und sagte ihm, er sollte sich in den folgenden drei Stunden die Stadt anschauen, man würde sich dann wieder vor dem Bahnhof treffen. Drei Stunden später stellte sich heraus, das Munyon sich keinen Meter von seinem Standort wegbewegt hatte. Auch das Geld war noch in seiner Hand.

Ein anderes Mal gab er ein Konzert und brachte - wie anscheinend immer - eine dicke Kladde mit, in der er die Textblätter seiner Songs aufbewahrte. Nach mehr als drei Stunden ohne Pause musste dann seine Frau Dixie auf die Bühne gehen und ihm seine Blätter weggnehmen, freiwillig hätte er wohl an diesem Abend nicht mehr aufgehört.

Was die Faszination dieser Songs für mich ausmacht, ist nicht leicht zu sagen. Da sind natürlich hauptsächlich die Songs selber. Die allermeisten sind bei weitem nicht so traurig und resignativ wie die Townes van Zandts, trotzdem sind beide klassische Storyteller, die die ihre Figuren ernst nehmen und es ohne viel Aufwand schaffen, einen in ihre Geschichten zu ziehen.

Aber auch seine Stimme hat etwas Eigenes, das man nur selten hört. Manchmal klingt sie sehr unschuldig/naiv, als ob man dem Erzähler wirklich jeden Scheiss als echt passiert andrehen könnte, aber dann ist da auch dieses Alter und ich meine zu hören, dass hier mehr erlebt wurde, als normalerweise zuträglich ist für eine einzige Seele. Und wenn das beides zusammenkommt, dann wird es für mich echt magisch, dann finde ich da manchmal auch nur schwer wieder raus.

Warum das alles? David ist wieder mal auf Deutschland-Tour und spielt auch seit langer Zeit mal wieder in Berlin. Und ich würde wirklich jedem empfehlen, sich das nicht entgehen zu lassen. Allerdings muss ich wiederholen: Ich habe ihn noch nie live erlebt und weiss, dass zwischen einem zu Tränen gerührtem Publikum und einem gar nicht erst auftauchendem Künstler alles schon passiert ist. Wie gesagt, nicht ganz ohne, der Mann.

Seven crows against a grayer sky from: Stories from the curve
Mit freundlicher Erlaubnis von Glitterhouse Records

Tourdaten:
28.03.06: Karlsruhe/Germany, "Substage"
31.03.06: Live Music in Berlin Guitars
14.05.06: Dresden/Germany, Three Kings Church
25.05.06: Bremen/Germany, Songwriter's Festival
23.06.06: Hennef/Germany, Kur Theater

1 Comments:

At 8:03 nachm., Anonymous Goldmund said...

Habe mir "poet wind" gekauft und?
Einfach gut, der wird mich so schnell nicht los.

 

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