Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien:

Freitag, Oktober 21, 2005

The Handsome Family



Ich denke, es wird im Herbst 2000 gewesen sein. Ich hatte einen Bademantel an, damals noch in der Urbanstr., und litt an einer Krankheit, die mir das Hirn ordentlich vernebelte (damals brauchte ich da noch eine Krankheit zu...) Jedenfalls hatte ich Fieber und durchmass den grössten Teil des Tages predigend und gestikulierend meine Kemenate. Dabei hörte ich fast ständig "In The Air" der Handsome Family, was meinem Geisteszustand wohl auch nicht förderlich war.

Eines Tages setzte ich mich dann vor den Rechner und schrieb eine mail an Rennie Sparks, der Sängerin und Texterin der hübschen Familie, in der ich ihr detailliert Auskunft über meinen momentanen Zustand gab und ihr meine TOP 10 der Fieberträume schilderte. Zu meinem grossen Erstaunen bekam ich nach ein paar Tagen eine mail von ihr zurück, in der sie über ihren letzten Traum schrieb. Soweit ich mich erinnern kann handelte er davon, dass sie sich eines Tages auf einer Insel wiederfand, die nur von Hunden bewohnt wurde, und auf der sie mehrere Abenteuer zu bestehen hatte.

Wir hatten dann noch ein paar mal gemailt, aber der Kontakt ist dann nach meiner Gesundung irgendwann eingeschlafen. Seither habe ich ständig versucht, Konzerte der Family zu besuchen, aber bizarrerweise hat es bislang nicht ein einziges Mal funktioniert. Immer war ich entweder krank oder nicht in der Stadt. Irgendwann schilderte ich ihr dann nochmal mein Leid und sie schrieb zurück, dass sie sich nach dem letzten Konzert betrunken auf einem Ostberliner Friedhof verirrt hätten und da stundenlang nicht mehr rausgekommen seien.

Wundern sollte einen das aber eigentlich nicht. The Handsome Family sind wohl die einzige Band, die Greil Marcus "altes, unheimliches Amerika" in die Neuzeit transportieren konnten, ohne dabei zum Pseudo-Authentischen Witz zu werden. Um das zu erklären, muss man nicht nur einige Jahre, sondern eine ganze Welt zurückgehen.

Im Jahre 1952 veröffentlichte der Spinner, Hobbysatanist und Experimentalfilmer Harry Smith seine "Anthology Of American Folk Music", eine Auswahl aus seiner über 20.000 Stück umfassenden Sammlung alter Schellackplatten der 20ger und 30ger Jahre. Diese Anthology wurde innerhalb kurzer Zeit zum einflussreichsten Tondokument ever, konnte man doch nun konzentriert Aufnahmen zumeist vergessener Folk- und Bluesmusiker hören, die trotz der relativen zeitlichen Nähe in einem Amerika gelebt hatten, das in dieser Form nicht mehr vorhanden und grösstenteils bereits vergessen war. Thema waren plötzlich nicht mehr die heroischen Errungenschaften schreckensloser Landsleute oder eine abstrakte Annährung an die Great Depression; hier fingen die Menschen selber an, zu erzählen - hundsarme Bergarbeiter wie Dock Boggs, der darüber verzweifelt, wie er das Kind durchbringen soll, nachdem die Liebste ihn verlassen hat, viele Geschichten von Liebe und Mord, aber auch groteske Lachnummern wie Coley Jones' Drunkard's Special lassen erahnen, wie anders das damalige Lebensgefühl durch die tägliche Präsenz von Hunger, Tod und genereller Unsicherheit für viele Amerikaner gewesen sein muss. Der Mythos bekam plötzlich eine Stimme.

Hört man diese Aufnahmen heute, muss man sich mitunter fragen, ob das wirklich erst vor 70, 80 Jahren gewesen sein soll, oder ob es da nicht um eine andere Welt und Gesellschaft geht, zu der man heute keinen Zugang mehr bekommen kann, da sich eben nicht nur die Lebensumstände, sondern auch das Bewusstsein grundlegend geändert hat. Auch für Dylan und seine Kollegen dürfte die Anthology eher etwas von einer mythischen Sage gehabt haben, die sich vielleicht von der Illias dadurch unterschied, dass einige der Interpreten tatsächlich noch lebten (und durch das Folk Revival der 60ger auch wieder Aufnahmen machen konnten).

The Handsome Family nun setzen genau an der Schnittstelle der mythischen Verklärung Amerikas an und legen sie wie eine Schablone auf die heutige Zeit. Die Ritzen, dunklen Ecken und Ungereimtheiten werden bei Ihnen zur Frage, ob das, was diese mythische Sicht auf die Dinge damals ausgemacht hat, nicht vielleicht doch weiterbesteht; ob das rationale Denken nicht eine Ablösung des Barthes'schen Mythos als Sprache ist sondern vielmehr eine blosse Alternative, die zum herrschenden Signifikanten wurde.

Rennie und Brett Sparks wissen natürlich um die vielen Fallen, in die man bei dieser Sicht der Dinge tappen kann. Pseudo-Authentizität ist da vielleicht die naheliegendste, doch hat die Familie da einen eingebauten Filter. Ihre CDs werden nicht vom Fake-Geknister alter Aufnahmen begleitet und es wird auch nicht ausschliesslich auf uralten Instrumenten gespielt. Ganz im Gegenteil. Produziert wird digital im heimischen Wohnzimmer mit Pro-Tools und jede ihrer CDs klingt auch so - Digital, fast steril und kalt. Dazu kommt noch Brett's klassisch ausgebildeter Bariton, der ihrer Musik sofort jeglichen Anflug von Lo-Fi und Retro-kekuschel nimmt. Dabei kommt durchaus klassisches Country-Instrumentarium wie Banjo, Autoharp und Lap-Steel zu Einsatz, das aber teilweise recht einfach gespielt wird - hier tobt sich niemand am Banjo aus, weil man das in diesem Kontext ja mal könnte. Auch für Esoteriker gibt es hier nichts zu holen, was man bei der Rätselhaftigkeit der Texte mitunter vermuten dürfte. Zu absurd und nicht selten schlichtweg lustig sind die Texte, was schon auf der Kontaktseite ihrer website deutlich wird: "Please refrain from gathering outside our house with pitchforks and torches."

Einer meiner Liebslingssongs- und Texte ist "The Bottomless Hole" auf ihrer letzten CD "Singing Bones", an dem viel von dem vorher gesagten deutlich wird:


My Name I don't remember
though I hail from Ohio
I had a wife and children
Good tires on my car
What took my from my home
And put me in the earth
Was the mouth of a deep dark hole
I found behind my barn

We'd been filling it with garbage
for as long as you can tell
Kitchen scrubs and dead cows
Tractors broken down
But never did I hear
One thing hit the ground
And slowly I came to fear
That this was a bottomless hole

I went out behind the barn
And stared down in that hole
Late into the evening
my mind could not let go
So I got out my ropes
and a rusty clawfood
And I ring myself a chariot
To ride down in that hole

My wife she did help me
She fed my down that rope
And then I sunk away
from the surface of this world
With the last rope pulled tight
I had not reached the end
And in linger I swung there (?)
Down in that darkened pit

So I got out my knife
I told my wife goodbye
I cut loose from the ropes
And fell all down that hole
And still I am there falling
down in this evil pit
But until I hit the botton
I won't believe it's bottomless


In ganzen Bereich der alternative-country bands, Neo-Folkies und Americana-Combos sind The Handsome Family wirklich einzigartig. Ihnen kommt man weder mit Traditionalismus, noch mit Authentizität oder Dilettantismus bei - Hier geht es schlicht um einen Blick auf die Welt, der nicht auch zugleich Interpretation ist.
Für
  • Boogie

  • 1 Comments:

    At 1:32 nachm., Blogger Boogie said...

    Sowas von Danke für die Handsome Family Story. Bei mir läuft gerade ein Podcast der Familie, Live in Rotterdam, den ich im Here Comes The Flood Blog (http://blogger.xs4all.nl/werksman/) fand. Das muss ich dem Captain mal vorsummen.

     

    Kommentar veröffentlichen

    << Home