Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien:

Mittwoch, Februar 08, 2006

Mein Block

Das Neukölln nicht Zehlendorf ist, war mir ja klar. Aber warum unsere kleine Strasse derzeit das Zentrum hiesiger krimineller Aktivitäten ist, verwundert mich doch. Letzte Woche wurde hier (bedauerlicherweise) eine Canabis-Plantage geräumt, gestern ein aus einer psychatrischen Klink geflohener Vergewaltiger festgenommen und als ich gerade heimkam, standen schon wieder 2 Wannen vor dem Nebenhaus. Ach ja, und in einer Nebenstrasse wurde letzten Donnerstag ein alter Schuster ermordet.

Vor ein paar Jahren konnte sich Deutschlands meistes Nachrichtenmagazin schon mal nicht enblöden, den nebenan gelegenen Rollbergkiez als "gefährlichste Gegend Deustchlands" zu bezeichnen. Daraufhin hatte sich, äh, ein Bewohner auch beschwert. Der Rest konnte wahrscheinlich nicht lesen.

Es wird wohl dringend Zeit, dass ich als krass authentischer Rapper mal meine Debut-Single aufnehme. Mit der Kohle könnte ich dann endlich wieder eine neue Plantaein paar Rechnungen beglzahlen.

NP: Fred Eaglesmith - Time to get a gun

7 Comments:

At 7:39 vorm., Anonymous Anonym said...

Du musst das mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Wenn Dich jemand fragt, wo Du wohnst und Du Deine Straße nennst, erstarren sofort alle Leute in Ehrfurcht und halten Dich vermutlich für den Paten persönlich.

 
At 1:38 nachm., Anonymous Margit said...

Aber nur, wer den Kiez nicht kennt, kann sowas vielleicht denken. Ich wohne nämlich auch dort und finde die Ecke ganz nett oft. Und wer die deutsche Provinz von innen kennt (ob Niederkassel oder sonstwo), der müßte Berlin-Neukölln doch eigentlich zu schätzen wissen, denke ich... Grüße!

 
At 6:06 nachm., Blogger The Haarbüschel said...

Hi Margit, das Wörtchen "Oft" würde ich persönlich durch "manchmal" ersetzen. Und nur weil ich Niederkassel kenne, halte ich Neukölln nicht für einen Fortschritt... :)
Nein, Neukölln finde ich eigentlich scheisse. Aber ich wohne ja innen und nicht aussen, und innen finde ich es grossartig. Aber wie Tina neulich sagte: Im Prenzlauer Berg z.B. macht es richtig Spass, durch die Strassen zu gehen. In Neukölln bin ich froh, wenn ich daheim bin. Sehe ich auch so.

 
At 2:48 nachm., Anonymous Margit said...

Hallo Martin,
ok, Neukölln ist sehr spezial und kann auch sehr spezial nerven. Im Verbund mit Kreuzberg nenne ich es manchmal "die größte offene Psychiatrie Deutschlands". Und vieles hier ist sehr häßlich (Straßen, Häuser, Menschen, Hunde und ihre Scheiße, etc).
Dennoch ist Neukölln meine Wahlheimat, und außer hier oder in Kreuzberg möchte ich in Deutschland auch nirgendwo sonst leben derzeit. Warum? Weil ich aus einem kleinen Dorf im Saarland komme, dann von 1988 bis 1992 in Kreuzberg und Neukölln gelebt habe und von 1992 bis 2000 wieder im Saarland. Seit 2000 bin ich wieder in Berlin in "meinem Kiez" und ungefähr täglich froh darüber. Denn ich empfinde das deutsche Land, die deutsche Provinz (ob Niederkassel oder Saarland), mittlerweile als ebenso krank, kaputt und aggressiv wie Berlin-Neukölln. Auch auf'm Land gibt es zuhauf Kriminalität, Sucht, Wahnsinn, Vergewaltigung und Mord. Aber meist versteckt hinter geschlossenen Türen und gepflegten Vorgärten. Und meist nicht so direkt knallpeng, sondern eher klammheimlich und auf Raten. Dafür aber umso perfider und letztlich grausamer. Denn kaum jemand gibt zu, daß er oder sie mehr oder weniger irre und verzweifelt ist und eigentlich keine Ahnung hat, was das Leben soll. Da wird sich gegenseitig meist eine künstliche Fassade von sich selbst gezeigt, für deren Erhalt alle teuer und bitter bezahlen. Das deutsche Land verkauft uns Arbeit, Besitz und Familie als Lebenssinn, und in Berlin-Kreuzberg oder Neukölln leben die, die da nicht mitmachen wollen oder können. Deshalb liebe ich diese Ecke. Hier ist alles ehrlicher, finde ich. Hier macht sich niemand die Mühe, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Hier zeigen die Menschen ihre Schwäche, ihre Häßlichkeit, ihren Wahnsinn und ihre Unwilligkeit oder Unfähigkeit, die verlogenen Ideale der Leistungsgesellschaft für sich zu übernehmen. Weswegen ich auch lieber hier als im Prenzlberg oder in Mitte lebe. Klar ist es dort hübscher, und Straßen, Häuser, Menschen sind deutlich schöner. Aber diese Schönheit kostet viel Geld und wird regelmäßig vor dem Spiegel eingeübt. Alles ist bunter und hipper als bei Muttern auf'm deutschen Flachland, aber ob es im Grunde wirklich anders ist, ist eine große Frage. In PrenzlMitte wird die Leistungsgesellschaft kaum in Frage gestellt. Man partizipiert an ihr und verdient viel Geld damit. Daß das dann in Waldorf-Schulen, Bio-Läden, Yoga-Kursen und Alternativ-Reisen ausgegeben wird, macht die Sache nicht besser, sondern nur schwerer zu durchschauen, finde ich.
Also halte ich es mit unserem Bezirksbürgermeister Buschkowski, der wohl neulich sagte "Tief drin sind wir alle Neuköllner!". Das sehe ich auch so. Denn wenn im Saarland, in Niederkassel oder sogar in Berlin-Mitte die Haustüren zufallen, zeigt sich dahinter und von innen die gleiche "Jogginghose auf halb acht", die gleiche Häßlichkeit, Sucht, Verzweiflung und Aggression, die sich in Neukölln ganz ungeniert schon vor der Haustür, am hellen Tag und auf offener Straße zeigt. Und dieses Ungeschminkte ist, was ich an unserem Kiez so schätze.

So Martin, nun weißt Du, warum ich Neukölln verteidige und gerne hier lebe. Und dabei fällt mir gerade der gute Rio Reiser ein und sein Lied "im Süden".
"... ich such Perlen im Dreck, Prinzen im Schrott / Jesus hängt am Autobahnkreuz und Buddha ist bankrott / hier am Rand der Verzweiflung, wo alles zerfällt / am Grab der Hoffnung, wo kein Reisebus hält / hier ist, was ich suche, hinter dem Schmerz / hier werd ich's finden, hier ist mein Herz".

Verzeih, daß ich Dir Deinen Blog vollquatsche. Hab gerade Zeit, und das Thema hat mich wohl angepiekst...
Alles Gute Dir - Margit

 
At 10:49 nachm., Anonymous Margit said...

Hi Martin, hab gerade meinen Text von heute mittag nochmal gelesen und möchte hinzufügen, daß all meine Pauschalisierungen real natürlich unzulässig sind. Selbstredend gibt es überall (Saarland, Niederkassel, Neukölln, Mitte, etc) eine Menge Ausnahmen und Gegenbeispiele für meine Thesen. Nimm meinen Kommentar daher bitte nicht wörtlich, sondern eher bildlich. Dann wirst Du wohl verstehen, was ich meine, nehme ich an.
Und meine Phrase "So Martin, jetzt weißt Du..." hätte ich mir natürlich auch sparen können. Im Nachhinein weiß ich nicht, was sie da soll. Hab einfach frei nach Schnauze geschrieben heute mittag und gleich abgeschickt...
Na denn, liebe Grüße!

 
At 5:06 nachm., Blogger The Haarbüschel said...

Ach Margit! Ich freue mich immer, was von Dir zu lesen. Und das das Verallgemeinerungensind, war mir schon klar. Und Deine Phrase habe ich auch schon richtig verstanden... Mache ich so einen verkniffenen Eindruck? ;)

Du hast mich übrigens ziemlich zum Grübeln gebracht. Da kommt noch was nach, sobald ich mich vom meiner Frisur erholt habe... hehehe.

 
At 1:01 vorm., Anonymous Margit said...

...thanx!... und: nee, Du machst keinen verkniffenen Eindruck. Aber ich wundere mich doch stellenweise über mich selbst, wenn ich im Nachhinein verfolge, was und wie's manchmal aus mir heraussprudelt. Und frage mich dann, ob das jemand verstehen konnte...
Bin auf Deinen Nachtrag gespannt! Grüße!

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home