Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien:

Montag, Dezember 18, 2006

Morrissey in Berlin, 17.12.06

morrisseyticket.jpg

Mitunter erlebe ich ja Dinge, über die ich gerne schreiben würde, bei denen ich jedoch das ebenso starke Gefühl habe, ihnen sprachlich einfach nicht gewachsen zu sein. Johnny und Tanja haben da mit dem Morrissey-Konzert ein ähnliches Problem, was die Sache aber auch nicht einfacher macht.

Wie überhaupt anfangen? Stell Dir vor, einer deiner grossen Helden kommt nach vielen Jahren zu Dir und Du merkst, das er Dich nicht enttäuscht hat? Oder: Was eigentlich war gestern der Unterschied zwischen Jesus und Morrissey? Oder: Muss man sich mit 47 immer noch das Hemd vom Körper reissen?

Schreibt man über Stephen Patrick Morrissey, dann schreibt man natürlich auch immer die Bedeutung, die die Smiths für die eigene Sozialisation gehabt haben (zumindest wenn man über 30 ist). Das alte Testament. Wie so viele Menschen habe auch ich den grössten Teil meiner Teenage Angst auf diese Band projeziert und abgeladen, und die Leiden des Sängers waren natürlich auch die meinen. Das Gefühl, fremd zu sein in dieser Welt kennt wohl jeder 16-jährige, und es gab eine Menge role models, denen man nacheifern konnte. Aber wohl niemand hat den Weltschmerz so effektiv in einen Stil giessen können, niemand konnte die Abivalenz des Leidens an der Welt und des Wissens darum mit so grosser Geste feiern wie er.

Doch irgendwann stellt sich ganz automatisch eine Frage: Wie wird man damit alt?

Der Rockmusiker hat ja einen gewissen Hang zum Freitod, und aus rein ästhetischer Sicht mag das in der Tat Sinn ergeben. Allerdings gibt man damit auch Anlass zu Überlegungen, dass das Lebenskonzept dann wohl irgendwie doch nicht gereicht hat. Morrissey hätte sich natürlich nie umgebracht, dazu ist er zu intelligent, doch auch für ihn stellte sich irgendwann die Frage: Wie mache ich jetzt weiter? Was tue ich ohne Plattenvertrag? Ein Leben in Rente wäre durchaus drin gewesen, und schaut man sich die Dokumentation über ihn von 2004 an, dann hätte das durchaus im Bereich des Möglichen gelegen.

Um so höher ist es da zu bewerten, das er weitergemacht hat, und nicht einfach so, sondern mit zwei exzellenten Patten und genau der Unzufriedenheit, die ihn damals schon so einzigartig gemacht hat. Ein neues Testament, wenn man mir die religiösen Metaphern verzeiht, aber in dem gestrigen Konzert keine religiöse Dimension sehen zu können erscheint mir als unmöglich.

Nach einer unsäglichen Vorgruppe und ein paar Videos aus den 60gern u.a. von Sacha Distel, den New York Dolls, einer italienischen Teilnehmerin des Grad Prix von 1974 und Kostüm-Proben von East of Eden fängt Morrissey mit "Panic" an, und er hätte auch keinen besseren Song wählen können: "The Music that they constantly play / it says nothing to me about my live", es ist alles klar -was damals der Fall war, hat sich heute nicht geändert, sondern vielleicht sogar noch verschärft. Das Beharren auf den Hunger und das Recht, seine Vision der Welt vertreten zu können sind heute unter Umständen von noch grösserer Aktualität, als sie es damals waren.

Morrissey ist on top of the world, gutgelaunt spielt er mit dem Mikrokabel, er schüttelt ständig die ihn entgegengestreckten Hände, nimmt Geschenke an, scherzt mit dem Publikum und trotzdem die alten Smiths-Songs, die er spielt, immer noch grossartig sind, ist wohl allen klar, das es hier nicht um Vergangenheitsverklärung geht, sondern um das hier und jetzt. Darum, das man sich treu bleiben und in Würde altern kann und dass man als Künstler und als Publikum das Recht hat, nicht verarscht zu werden.

Sowas kann mir tatsächlich Tränen in die Augen treiben und ich würde sogar sagen, dass dies eines der bewegendsten Konzerte war, das ich je gesehen habe. Da will ich mich nicht bei Kleinigkeiten wie unverschämten Preisen für hässliche T-Shirts und ledigleich halbwegs gutem Sound aufhalten.

In der Bahn nach Hause habe ich Wolfgang Doebeling gegenüber gesessen und mich gefragt, wie er das wohl empfunden hat. Ich war schon oft genervt über seine Ignoranz mancher Musik gegenüber, aber vielleicht hat er ja manchmal tatsächlich recht.

Hang the DJ.

1 Comments:

At 11:06 nachm., Anonymous Jens said...

Schön, freut mich, dass da was bei Dir passiert ist. Hatte ich schon lange nicht mehr auf Konzerten. Wobei... ich gehe kaum noch auf welche. Meistens sind´s dann die eigenen, für die habe ich noch Zeit. Mehr wird zuhause nicht toleriert, reicht wohl auch.

 

Kommentar veröffentlichen

<< Home