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Sonntag, August 14, 2005

Förmchenterror

Im Interview mit Gerhard Richter im aktuellen Spiegel findet sich ein sehr interessanter Satz über Form vom Meister selber: "Ganz simpel ist Schönheit erst mal das Gegenteil von Zerstörung und Auflösung und Beschädigung, und damit ist sie schonmal untrennbar mit Form verbunden, ohne die nichts entstehen kann. Und was ich für das Wichtigste daran halte: dass es nur die Form ist, die eine Sache verständlich macht und damit Gemeinschaft stiften kann. Das Gegenteil wäre authentisches Gestammel, und das ist nur asozial."

Man hat Richter ja gerne vorgeworfen, Verfechter einer neuen Bürgerlichkeit zu sein; und er macht offensichtlich keine Anstalten, diese Einsicht Lügen zu strafen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird klar, dass er mit Formlosigkeit fehlende Brwertungskriterien (auch) als Resultat mangelnder Bildung meint. Form dient für ihn hauptsächlich als Legitimation und Abgrenzung.

Auch Laurie Anderson hat sich ähnlich geäussert: Es sei unerträglich, dass dank moderner, billiger Produktionsmittel jeder Depp sein akustisches Mitteilungsbedürfnis professionell aufnehmen kann.

Da fällt die Reduktion von Komplexität schon schwer, und sei sie auch nur bedoht von schlichter Marktwirtschaft. Der Gedanke erscheint mir nicht als falsch, aber er bedarf einer massiven Erweiterung: Nur, weil Form nicht als solche erkennbar ist, kann man sie nicht leugnen. Und es mag auch vorkommen, dass die Ablehnung von Form aus schlichter Notwendigkeit gewählt wird. Natürlich ist Authentizität unerträglich, aber ist es oft nicht eher so, dass sie sich eher als Form maskiert, um überhaupt erst in den Genuss der Kritikwürdigkeit zu kommen? Ist die Frage der Form als alleinige Bedingung der Möglichkeit des Vorverständnis nicht eh schon obsolet? Stichwort Kommerzialisierung: Wenn man sich einen Spielraum einräumt von fast völliger Formlosigkeit bis hin zum kleinsten gemeinsamen Nenner, also einer Art Formvollendetheit, liegt der Reiz dann nicht eher im akzeptieren der Diskussionswürdigkeit von Form als Teil des Inhalts? Ist Authentizität nicht allein schon durch die Erkenntnis als Lüge entlarvt, das der Rahmen immer schon Teil des Bildes ist?

Im schlimmsten Falle muss man sich eingestehen, dass Kategorien ihre normative Kraft verloren haben. Ich weiss nicht, was an ihre Stelle treten könnte; pure Subjektivität ist mir zuwider und nicht Urteilsberechtigt.

Aber eventuell liegt das Problem auch schlicht in dem Wunsch nach Gemeinschaft. Dem lowest common denominator liegt natürlich die absolute Unterwerfung unter dem herrschenden Formverständnis zu Grunde. (wobei Richter natürlich in seinem Falls total irrt: Die Summen, die für seine Bilder bezahlt werden, entstehen nicht aus dem "Wert" seiner Bilder, sondern aus der Anerkennung seines Wertes als Marke. Auch von daher ist der Faschismus-Vorwuf an die Marktwirschaft vollkommen berechtigt.) Kaum etwas kann sich der Parzellisierung von Richters "Gemeinschaft" entziehen, und mit dieser Erkenntnis muss dann auch gearbeitet werden. Auch auf Kosten der allgemeinen Möglichkeit der Dechiffrierung von Texten.

Es ist wie sooft: Das Leben ist kein Ponyhof.